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21. August 2026

Teurer Rat ohne Recht

Wie man für eine sogenannte KI Orientierungshilfe den Preis einer echten Beratung verlangt und sich vorher aus der Verantwortung schleicht

Von Wolfgang Walter · redaktion@aufgeweckt.de

Nahaufnahme von alten, abgegriffenen juristischen Fachbuechern im Regal
Ein Sprachmodell klingt souverän. Verantwortung übernimmt es keine.

KI gestützte Orientierungshilfe, keine Rechtsberatung

Hinweis in der Fußzeile des Anbieters, Stand August 2026

Ganz unten auf der Simplyright Seite steht es. In einer Schrift, die kaum einer mehr lesen kann. Ein einziger Satz. Das ist der ehrlichste Teil des ganzen Angebots. Und genau deshalb ärgere ich mich seit Tagen darüber.

Der Satz ganz unten und was er wirklich bedeutet

Wer eine Dienstleistung anbietet, muss doch sagen, was sie ist. Genau das passiert hier, nur eben an der Stelle, an der garantiert keiner mehr hinschaut. Oben verspricht die Seite Klarheit in einer rechtlichen Lage. Unten steht sinngemäß, dass alles Unverbindlich ist und niemand dafür geradesteht.

Das ist kein Detail, das ist die ganze Geschäftsgrundlage. Der Hinweis verwandelt jede noch so selbstbewusste Auskunft in eine Meinung ohne Absender. Keine Haftung, keine Berufsordnung, keine Aufsicht. So einfach macht man sich das.

Stellen Sie sich das mal in einem anderen Bereich vor. Eine Praxis stellt Diagnosen, kassiert dafür Geld und schreibt in die Fußzeile, dass es sich nur um eine gesundheitliche Orientierungshilfe handelt. Das würde doch keiner hinnehmen.

Was echte Rechtsberatung voraussetzt

Rechtsdienstleistung ist in Deutschland kein freies Feld. Das Rechtsdienstleistungsgesetz sagt klar, wer in fremden Angelegenheiten rechtlich berät, braucht eine Zulassung oder eine ausdrückliche gesetzliche Erlaubnis. So ist das seit Jahrzehnten geregelt, und zwar nicht ohne Grund.

An dieser Schwelle setzt der Haftungsausschluss an. Der ist nicht für den Kunden da, sondern als Schutzschild für den Anbieter. Solange das Angebot offiziell nur allgemeine Informationen liefert, bleibt es außerhalb des Zulassungszwangs und außerhalb der Berufshaftpflicht. Ganz schön praktisch für den, der das Geld kassiert.

Eine richtige Kanzlei kann sich so etwas nicht leisten. Die haftet für Fehler, unterliegt der Kammeraufsicht, hat eine Pflichtversicherung und einen Namen, der ruiniert werden kann. Genau das ist der Preis, den echter Rechtsrat kostet. Den sollte man ebenso bezahlen wie verlangen.

Preis gegen Gegenleistung

Was mich wirklich aufregt, ist nicht die Technik an sich. Ein Sprachmodell, das einen Mietvertrag sortiert und die passenden Paragrafen nennt, kann durchaus nützlich sein. Aber die Preisgestaltung steht dazu in keinem Verhältnis.

Hier wird nicht für Sicherheit bezahlt, sondern für das Gefühl von Sicherheit. Der Preis richtet sich nach dem Wert, den echte juristische Hilfe für einen verunsicherten Menschen hat. Die Leistung dahinter kostet aber nur einen Bruchteil. Genau diese Lücke ist das Geschäftsmodell.

Dazu kommt die Inszenierung. Seriöse Typografie, ein wappenartiges Logo, Formulierungen aus dem Kanzleialltag. Alles erzeugt den Eindruck von Fachwissen. Und im selben Atemzug bestreitet der Anbieter genau diese Expertise ganz unten auf der Seite. Das nenne ich dreist.

Wer trägt das Risiko

Wenn eine Auskunft falsch ist, passiert dem Anbieter nichts. Der Nutzer dagegen versäumt eine Frist, unterschreibt einen Aufhebungsvertrag, verzichtet auf einen Widerspruch oder verliert einen Anspruch, der noch durchsetzbar gewesen wäre. Das Risiko trägt also allein der Kunde.

Fristen sind das eigentliche Problem. Drei Wochen bei der Kündigungsschutzklage, zwei Wochen bei einer fristlosen Kündigung, ein Monat bei vielen Behördenbescheiden. Eine Antwort, die zu neunzig Prozent plausibel klingt, kostet in den restlichen zehn Prozent den gesamten Anspruch. Und dann ist es zu spät.

Dabei klingt so eine Antwort eben plausibel. Ein Sprachmodell erzeugt flüssige, zuversichtliche Sätze, auch wenn es die Rechtslage verfehlt oder eine Norm zitiert, die längst reformiert wurde. Der Laie kann den Unterschied nicht erkennen. Genau deshalb hätte er ja jemanden gebraucht, der wirklich Ahnung hat.

Was ich stattdessen empfehle

Eine Erstberatung bei einer richtigen Kanzlei ist gesetzlich gedeckelt und für Verbraucher deutlich günstiger, als viele denken. Wer wenig verdient, bekommt Beratungshilfe beim Amtsgericht. Das ist kein Hexenwerk, das ist ein Recht.

Verbraucherzentralen, Mietervereine, Gewerkschaften und Sozialverbände beraten ihre Mitglieder zu Beiträgen, die unter dem liegen, was solche Portale für eine einzige Auskunft verlangen. Bei all diesen Stellen sitzt am Ende ein Mensch mit Namen und Verantwortung. Das ist der Unterschied.

Nutzen Sie KI Werkzeuge ruhig, um sich vorzubereiten, Begriffe zu verstehen und Fragen zu sortieren. Aber bezahlen Sie dafür nicht den Preis einer Beratung, die Sie am Ende nicht bekommen. Das ist doch das Mindeste, was man verlangen darf.